Karate (空手, jap. "leere Hand") ist ein waffenloses Nahkampf- und Selbstverteidigungssystem. Bei dieser aus Ostasien stammenden Budosportart wird der gesamte Körper hauptsächlich zur Verteidigung gegen Schläge, Stöße, Stiche und Tritte sowie zum Angriff gegen empfindliche Körperstellen eingesetzt. Zudem ist Karate ein ideales Fitnesstraining für alle Altersgruppen.

Das Ziel des Karate ist es, in der körperlichen und geistigen Auseinandersetzung unter Achtung des sportlichen Gegners die Persönlichkeit zu entfalten. Karate-do (jap. "Weg der leeren Hand") bedeutet Schulung von Körper und Geist, eingebunden in philosophische Lehren Ostasiens. Der Karateka soll durch ständiges konzentriertes Üben in Verbindung mit einem klaren Verhaltenskodex zu geistiger Vervollkommnung gelangen.

Die Geschichte des Karate

Hintergründe zur Entwicklung einer Kampfkunst

von Michael Martin, 3. Dan Karate

Das Bestreben, sich zum Zwecke individuellen Überlebens und  kollektiven Fortbestehens der Art behaupten zu können, dürfte nahezu so alt sein wie die Menschheit selbst.

Die Kampfkünste lassen sich bis in den Mittelmeerraum und hier speziell nach Griechenland zurückverfolgen. Ringkampf, Faustkampf und Allkampf (griech. Pankration) wurden erstmals zwischen 900-700 v. Chr. dokumentiert. Über den Indien-Feldzug Alexander des Großen von 326 v. Chr., in dessen Gefolgschaft sich auch der berühmteste Pankratiast dieser Epoche, Dioxippos, befunden haben soll, gelangte Pankration auch nach Indien.            

Durch dessen Assimilation und in einer Synthese mit Elementen des Yoga, dessen Praxis bereits seit ca. 3000 v.Chr. bekannt war, konnte sich in Asien über einen Zeitraum von gut achthundert Jahren hinweg eine Schule des Kämpfens entwickeln, die erstmals gesundheitshygienische und spirituelle Aspekte mit einem ganzheitlichen Anspruch hervorbrachte.

Die wichtigste Etappe war das Entstehen des legendären Shaolin-Kung-Fu, das im Kloster Shaolin entstand und dem indischen Mönch Bodhidharma zugeschrieben wird. Zwischen 520 und 530 bekam der Tempel einen Besucher, der seine ganze weitere Entwicklung wesentlich prägte: Es war ein aus dem südlichen Indien kommender Mönch. Er war den klassischen Weg mancher Pilger gefolgt, die damals über den Himalaya nach China wanderten und von denen neue kulturelle Impulse ausgingen. Bodhidharma, der  „Erleuchtete“, war der achtundzwanzigste Nachfolger Buddhas. Er brachte eine neue Richtung des Mahayana-Buddhismus mit: das Dhyana, das sich in China als Chan-Buddhismus verbreitete und später in Japan unter dem Namen Zen bekannt wurde. Es war ein ganz neuer Weg: Meditationspraktiken und gymnastische Bewegungen zur Stärkung der körperlichen und geistigen Entwicklung als eine Einheit. Dies war wahrscheinlich die Wurzel aller Kampfsysteme des südöstlichen Asiens.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte Bodhidharma schon eine gute Kenntnis vom indischen Kampfsystem der Kriegerkaste, vom Vajramukti. Heute ist Bodhidharmas Schöpfung als Grundlage für das sich später entwickelnde Shaolin-Kampfsystem Kung-Fu anerkannt. Bodhidharma selbst versank neun Jahre in eine sitzende Meditation, wobei er innere Selbstbetrachtung und schließlich die Erleuchtung (japanisch: satori) vollbrachte. Das Geheimnis für den Kampferfolg der Mönche von Shaolin liegt offensichtlich darin, dass sie Körper und Geist als Einheit betrachteten. Es entwickelten sich mit der Zeit ca. 400  Stile in China. Der Weg der leeren Hand ist ein innerer Weg, der mit äußeren Erfolgen nichts zu tun hat. Der Weg ist eine Suche nach der absoluten menschlichen Perfektion während des Lebens.

Solches Denken wurde seit dem 14. Jahrhundert besonders in Okinawa gepflegt und beeinflusste stark die dortigen Kampfsysteme To-de bzw. Okinawa-te. Das Kobudo entstand im 16. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war den Bauern und Fischern das Tragen von Schwertern und anderen Blankwaffen verboten. Kobudo ist eine Kampfkunst, deren Entstehungsgeschichte nicht vom traditionellen Karate zu trennen ist und ihren Ursprung auf der japanischen Insel Okinawa hat. Um sich gegen die bewaffneten und gut ausgebildeten Samurai verteidigen zu können, entwickelten die Bauern und Fischer Waffensysteme, bei denen sie unauffällige landwirtschaftliche Geräte und Werkzeuge zu tödlichen Waffen umfunktionierten. Es gibt im Kobudo verschiedene Waffen und Techniken, die im Kampf gegen Samurai entwickelt wurden.

Es dauerte aber Jahrhunderte, bis die innere chinesische Lehre einen Weg nach Okinawa fand. Die eingeführten Techniken wurden allmählich mit den auf Okinawa schon bekannten Methoden zusammengefasst. So entstand das To-de, in japanischer Sprache Kara-te, mit der späteren Bezeichnung Okinawa-te. Mit der Zeit hatten manche okinawische Meister Zugang zu den inneren Geheimnissen der chinesischen Kampfkunst gewonnen, und so erbte allmählich das Okinawa-te die inhaltlichen Werte des Chùan-Fa. Von einer reinen Methode der Selbstverteidigung, bei der die Entwicklung von tödlichen Techniken das einzige Ziel aller Bemühungen war, wurde diese Kampftechnik dank einiger okinawischer Meister zur Lebensart. Das damalige Kampfsystem enthielt die wichtigsten Schlüssel zur inneren Vollkommenheit, die schon viel früher von den kämpfenden Mönchen von Shaolin gesucht worden waren. Die Meister bauten ein Lehrsystem auf, in dem die Kata-Übungen im Mittelpunkt standen. Eine Kata ist eine kodierte Weitergabe von Kampftechniken, die nur ein Eingeweihter versteht. So war die wertvolle Verbindung zwischen äußerer Form und innerem Sinn der Technik erhalten geblieben, die Shaolin-Tradition lebte weiter.

Anfang des 20. Jahrhunderts verlor die alte Bunkei-Tradition an Kraft. Eine Versportlichung der Kampfkunst begann u a. durch Anko Itosu, der als „heilige Faust des Shuri-te“ bekannt wurde und die Kampfkunst 1907 in den Sportunterricht  der okinawischen Schulen integrierte.

Meister Gichin Funakoshi (1869-1957) war Schüler von Anko Itosu und Yasutsune Azato. Er sah die ‚leere Hand‘ als ein Erziehungsmittel und einen Weg zur inneren Harmonie. Er war Hauptschullehrer und besaß Ambitionen als Dichter. Seine Gedichte veröffentlichte er unter dem Künstlernamen „Shoto“ (Pinienrauschen), und auch über dem Eingang seines späteren Tokioter Dojos stand „Shotokan“ (Halle des Shoto). Er engagierte sich dafür, die von seinem Vorbild Anko Itosu eingeleitete Reform zu unterstützen und Karate als festen Unterrichtsbestandteil  an den Schulen Okinawas zu integrieren. 1921 veranstaltete Funakoshi mit seinen Schülern eine große öffentliche Demonstration im Shurijo-Schloss in Naha.

1922 wurde er als Leiter einer Delegation eingeladen, Karate erstmals öffentlich in Tokio vorzustellen. Die Resonanz war außerordentlich, und selbst der junge Kronprinz Hirohito (1901-1989) soll sich beeindruckt gezeigt haben. Doch die Japaner waren von nationalistischer Überheblichkeit erfüllt – ganz besonders gegenüber den Chinesen. Meister Gichin Funakoshi musste sich dieser Realität anpassen. So änderte er den Namen seiner Kampfkunst –  und das auf sehr kluge Weise: Das alte chinesische Schriftzeichen, das man als to oder kara liest, ersetzte er durch ein neues, das man ku (Himmel) oder auch kara (aber mit der Bedeutung leer) liest. Im japanischen Denken ist der Begriff der Leere der Mittelpunkt philosophischen Strebens. Man findet ihn insbesondere in allen Budo-Künsten. Sich von allen Gedanken leer machen, den Geist klären, das innere Wesen wie einen Spiegel reinigen, das heißt, das Ich zu begreifen und es mit der Leere des Universums zu verschmelzen. So blieb im ursprünglichen japanischen Karate von Meister Gichin Funakoshi die Spur der chinesischen Tradition erhalten.

Funakoshis Lehre war ein Weg (do) der leeren (kara) Hand (te) im körperlichen wie im geistigen Sinne. Es gab für ihn nur ein Karate, aber es war unvermeidbar, dass sich die einzelnen Stilarten einen Namen geben mussten. Funakoshi blieb zeitlebens als Karatelehrer in Tokio. Auch sein jüngster Sohn Yoshitaka Funakoshi (1906-1945), der als Elfjähriger begonnen hatte Karate zu lernen, kam nach Tokio, um seinen Vater als Lehrer in dessen Dojo zu unterstützen. Er entwickelte das Karate seines Vaters auf eine besonders dynamische Weise fort und modifizierte es behutsam; es wird auch berichtet, dass er gerne kämpferische Elemente Anko Azatos, dem ersten wichtigen Lehrer seines Vaters, erneut aufgriff und in den Unterricht des nun als „Shotokan“ bekannt werdenden Karate ihres gemeinsamen Dojos integrierte. Mit der Zeit nahm die Zahl der Studenten zu, von denen etliche später zu geachteten Karatepersönlichkeiten wurden. Aufgenommen wurden in der Regel nur Erwachsene nach Abschluss einer höheren Schule.

Einige der älteren Schüler von Meister Funakoshi  gründeten 1955 die Japan Karate Association (JKA). Masatoshi Nakayama war viele Jahre ihr Chefausbilder. Um Karate bei seinen Studenten attraktiver zu machen, führte er das Kumite ein. Die ersten Freikampfmeisterschaften fanden 1957 statt. Der Leitspruch der JKA lautet: Oberstes Ziel in der Kunst des Karate ist weder Sieg noch Niederlage, sondern es liegt in der Vervollkommnung des Charakters des Ausübenden.

Weitere Verbände der anderen Stilrichtungen entstanden in der Folgezeit. Diese schlossen sich 1964 zusammen zur „Federation All Japan Karate-Do Organisations“. Unter Federführung dieser Organisation entstand dann ein Weltverband, die „World Union of Karate-Do Organisations“ (WUKO), dem alle Stilarten angeschlossen waren. Die JKA gründete bald darauf einen eigenen, vorwiegend auf die Stilart Shotokan bezogenen Weltverband, die „International Amateur Karate Federation“. Sie konnte sich aber nicht gegen die WUKO durchsetzen. Die JKA blieb der größte Shotokan-Verband.

Mit Meister Funakoshis Grundgedanken, dass es im Karate keinen Angriff gibt, ist ein Training auf Wettkampferfolg im Grunde unvereinbar. Karate-Do ist das richtige Verständnis und der richtige Gebrauch von Karate.

Es gibt aber Verbände wie Nihon Karate-Do Shotokai mit dem von Funakoshi selbst zu seinem Nachfolger bestimmten Shigeru Egami (1912-1981) oder z. B. den Weg des Kriegers (Bushido) der Kase-Ha Shotokan Ryu Karate-Do Academy.

Den Weg des Karate-Do zu gehen, das bedeutet auch, frühzeitig von Kraft zur Weichheit überzugehen, vom Äußeren zum Inneren, um seine Energie optimal zu verwalten. Dieser Weg ist eine Lebenseinstellung. Deswegen bleibt der wahre Meister auch immer ein Schüler.